Reaktionen auf die BZ-Artikel

Am Samstag wurden zwei Artikel in der BZ zum Thema CSD Freiburg herausgegeben, die für viel Empörung und Kritik gesorgt haben. Uns haben dazu zwei Gegendarstellungen/Leser*innenbriefe erreicht, die das Bild aus den Artikeln nicht unterstützen können. Auch die CSD Orga wird die BZ Artikel nicht unkommentiert stehen lassen, aber unsere Stellungnahme an anderer Stelle veröffentlichen.

Link zu den Artikeln in der Badischen Zeitung und Fudder (Paywall): Hauptartikel, Beitrag bei Fudder, Kommentar

Stellungnahme des Regenbogenreferats der Uni Freiburg: Leser*innenbrief zum Artikel der BZ: „Ist der Freiburger CSD nur noch eine laute Technoparty?“

Stellungnahme der Rose Kids: https://www.rosekids.de/stellungnahme-csd-2017/


Stellungnahme des Regenbogenreferats vom Dienstag, 18. Juli 2017

Das Regenbogen Referat distanziert sich mit dem folgenden Leser*innenbrief an die Badische Zeitung klar von der Darstellung der BZ in ihrem Artikel: „Ist der Freiburger CSD nur noch eine laute Technoparty?“.

 

Schlechter Journalismus rettet den CSD Freiburg auch nicht

 

Das Regenbogen-Referat für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt des AStA der Universität Freiburg hat die Artikel der Badischen Zeitung zum CSD mit Bestürzung und Wut gelesen. Der Christopher Street Day geht auf die Proteste in der New Yorker Christopher Street 1969 zurück, die sich gegen Diskriminierung und Gewalt gegen queere Personen richtete. Auch heute stellt der Christopher Street Day die Themen in den Vordergrund, die aktuell die queere Szene beschäftigen, so zum Beispiel „Mein Herz schlägt gegen Rechts“, das Freiburger Motto 2016, das sich unter anderem mit der Gewalt gegen queere Menschen in Freiburg auseinandersetzte. Das dominierende Thema dieses Jahres war die „Ehe für Alle“, die im Vorfeld wochenlang medienwirksam diskutiert und am Vortag der Demonstration beschlossen wurde – eine Tatsache, die sicher auch den großen Andrang trotz Regenwetter erklärt. CSDs stehen damit in der Tradition emanzipatorischer und politischer Proteste und sollen genau deshalb laut, sichtbar und politisch sein. Ein Vergleich mit einem Marathon hinkt schon allein deshalb, da eine politische Demonstration, bei der es um Menschenrechte geht, etwas anderes ist als eine Sport- und Spaßveranstaltung. Insbesondere in einer Stadt wie Freiburg ist ein politischer, lauter und sichtbarer CSD relevant, denn wie in einem kürzlichen Vernetzungstreffen queerer Organisationen herauskam, haben queere Gruppen zu wenig Finanzmittel, kaum hauptamtliche Stellen und zu wenige Räumlichkeiten. Außerdem ist in der Stadtverwaltung keine explizite Ansprechperson für queere Belange benannt. Das CSD-Team hat bereits in einem offenen Brief darauf hingewiesen, dass z.B. von Seiten der Stadt vorgeschlagen wurde, den CSD an der Messe abzuhalten. Damit sollte der CSD bereits im Vorhinein von Seiten der Stadt seiner Sichtbarkeit beraubt werden.

 

Insbesondere die Diffamierung des CSD-Orgateams wollen wir kritisieren. Das Organisationsteam, das ausschließlich ehrenamtlich eine der größten Demonstrationen in Freiburg jedes Jahr organisiert, hatte nicht nur ein ausführliches Positionspapier veröffentlicht, sondern auch mehrmals teilnehmende Gruppen zu politischen Slogans aufgefordert. Dass der CSD als eine unpolitische Technoparty wahrgenommen wird, ist damit nicht die Schuld des CSD-Orgateams, sondern liegt an den einzelnen Gruppen, die das Gesicht des CSDs bilden. Wir teilen die Kritik, insbesondere an lauten, unpolitischen Techno-Wägen, die die Teilnahme für Menschen mit sensorischen Behinderungen und die Teilnahme von Regenbogenfamilien erschwerte. Allerdings sehen wir hier nicht das CSD-Orgateam in der Verantwortung, sondern die Gruppen und Organisationen, die diese Wägen organisieren.

 

Die BZ-Artikel widersprechen sich allerdings selbst: Zum einen wird über die Darstellung des CSDs als Hetero-Technoparty der Anschein erweckt, der CSD sei unpolitisch, gleichzeitig wird die Anwesenheit politisch überladener linker Gruppen und linker Forderungen – offensichtlich nicht die ‚richtige‘ Politik – kritisiert. Unterdrückungsverhältnisse wie Homo- und Trans*Feindlichkeit hängen eng mit anderen Unterdrückungsverhältnissen wie Rassismus, Sexismus oder Behindertenfeindlichkeit zusammen, weswegen sie auch gemeinsam thematisiert und dekonstruiert werden. Die Community wird hierbei nicht missbraucht (so der zitierte Vorwurf von Betty BBQ, der auch noch gesponsort über facebook verbreitet wurde), sie wird in einen größeren emanzipatorischen Kampf eingebunden, ohne den eine wirkliche Gleichstellung nicht zu erreichen ist.

 

Über die verwendeten Bilder in den Artikeln wie ‚Scherbenmeer‘ und ‚verbrannte Erde‘ werden auf plumpe Weise Vorstellungen von Zerstörung und Gewalt evoziert und der CSD gezielt in eine Ecke mit den Hamburger G20-Protesten gestellt: Den schwarzen Block Freiburgs gibt es fast schon – noch tanzt er zu Techno unter der Regenbogen-Fahne. Damit wird dem CSD seine wichtige politische Position abgesprochen. Artikel, die über CSDs und die queere Community berichten, ohne die richtigen Begriffe zu verwenden (oder Begriffe vergessen und unsichtbar machen wie A_sexualität) und komplett auf geschlechtergerechte Sprache verzichtet, die u.a. trans* und inter*-Personen sichtbar machen könnte, tragen nicht zu einer konstruktiven, respektvollen Debatte bei, sie diffamieren den CSD und die queere Community und machen wirklich wichtige Anliegen unsichtbar. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Informant*innen ohne Angabe deren Namen und Positionen innerhalb der Community mit schwammiger Kritik zitiert werden.

 

Ja, auch uns sind viele gegengeschlechtlich knutschende Paare auf dem CSD aufgefallen. Abgesehen davon, dass es sich auch um bi+sexuelle und/oder trans* bzw. inter* Personen handeln könnte – eine Kritik der Vereinnahmung von cis-heterosexuellen Personen des CSDs darf sich hierbei aber nicht an das CSD-Orga-Team richten, sondern an die Gruppen, die wie Betty BBQ explizit heterosexuelle Personen aufgefordert hatten, am CSD teilzunehmen.

 

Der bereits meinungsgefärbte Artikel sowie der Kommentar, die vom selben Autor verfasst wurden und exemplarisch für schlechten Journalismus stehen können, tragen nicht dazu bei, Debatten in der Community zu eröffnen, sondern die Community zu spalten und gegeneinander aufzubringen. Außerdem sind sie rufschädigend und demotivierend für das CSD-Team, bei dem man sich nicht wundern muss, wenn es den CSD wahrscheinlich nicht weiter organisieren will. Und dann gibt es diese wichtige, politische Veranstaltung nicht mehr, die vor allem dazu dient, auf Missstände aufmerksam zu machen. Genau dies ist das Ergebnis solcher Artikel und von städtischer Gleichgültigkeit. Viele queere Gruppen haben dagegen bereits beschlossen, sich im nächsten Jahr stärker in die Organisation des CSDs einzubringen. Das ist konstruktiv.

 

Wir solidarisieren uns hiermit mit dem CSD-Team und danken ihm für seine großen Mühen.

 

Das Regenbogen-Referat für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt des AStA der Universität Freburg ist die studentische Interessensvertretung der schwulen, lesbischen, bi+sexuellen, a_sexuellen, trans*, inter*, poly* und queeren Studierenden der Universität.

Kontakt: referat-regenbogen@mail.stura.uni-freiburg.de

 


Stellungnahme der Rosekids von Donnerstag, 20.07.2017

Stellungnahme des Rosekids e.V. zum BZ Artikel „Ist der Freiburger CSD nur noch eine laute Technoparty?“


Wir, der Verein Rosekids e.V. schwul-lesBische Jugendgruppe Freiburg, distanzieren uns klar von der Darstellung im Artikel der BZ „Ist der Freiburger CSD nur noch eine laute Technoparty?“, sowie von der Kritik am Organisationsteam des CSD Freiburg. Den Artikel sowie den Kommentar desselben Redakteurs halten wir für äußerst einseitig und nicht nachvollziehbar.


Für uns war der diesjährige CSD ein voller Erfolg. Mehr als 6000 Menschen haben sich gemeinsam für die Rechte und Interessen der queeren Community eingesetzt und auf der Straße demonstriert. Die Stimmung war trotz des schlechten Wetters hervorragend. Wir befürworten das offene Konzept des Freiburger CSD sehr, bei dem Menschen aller Couleur an der Versammlung aktiv teilnehmen können. Hier wird der Charakter einer politischen Demonstration bewahrt, während sich andere CSDs des Öfteren zu überkommerzialisierten Show-Paraden entwickelt haben, die nicht zum mitdemonstrieren einladen, sondern dies bisweilen geradezu verhindern. In Freiburg ist das besser. Von einer „Meinungsdiktatur“ (Kommentar BZ) kann überhaupt keine Rede sein, uns wurden als Teilnehmer mit eigenem Wagen keinerlei Zwänge auferlegt, sondern alle Freiheiten gelassen.


Den Vorwurf, es würde sich nur um eine laute, unpolitische Technoparty handeln, weisen wir zurück. Jeder, der schon einmal auf einem CSD war, weiß, dass Musik traditionell dazu gehört. Das heißt aber nicht, dass der CSD deshalb nicht auch gleichzeitig eine politische Demonstration ist. In anderen Städten wird beim CSD noch weitaus ausgelassener gefeiert und trotzdem ist der CSD dort oft Aushängeschild der Stadt und wird entsprechend auch gefördert. Eine weltoffene Stadt wie Freiburg sollte so etwas einmal im Jahr verkraften können und zwar auch in der Innenstadt und nicht nur bei der Messe. Schließlich finden auch regelmäßig andere größere, laute Veranstaltungen (z.B. Fasnachtsumzüge) ohne Einwände in der Innenstadt statt.


Fast im gleichen Atemzug wird dem CSD im Artikel der BZ dann noch eine Überpolitisierung unterstellt, das erscheint geradezu paradox angesichts des Vorwurfs es sei nur eine Techno Party. Eine Instrumentalisierung des CSD für andere politische Ziele, die damit nichts zu tun hätten, wie im Artikel vorgeworfen, findet nach unserer Wahrnehmung auch nicht statt. Im Vordergrund stehen ganz klar die Interessen der queeren Community in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern, in denen z.B. Homosexualität oft immer noch unter Strafe gestellt ist. So wurde das auch vom Orga-Team des CSDs im Vornherein vermittelt und auf der Webseite des CSD deutlich herausgestellt. Dass es angeblich an Wägen mit klaren politischen Botschaften/Bannern gemangelt hat, kann dem Orga-Team jedenfalls nicht zum Vorwurf gemacht werden, vielmehr läge dies im Verantwortungsbereich der Teilnehmer*innen.


Aus unserer Sicht kann jedoch kein Mangel an politischen Botschaften beklagt werden, viele Menschen hatten entsprechende Schilder, Banner, Flyer usw. wie auch unser eigener Wagen, um die politischen Inhalte zu vermitteln, so wie auch schon die Jahre zuvor. Nach unserem Verständnis wird durch die bloße Teilnahme an einer Demonstration durch einfaches Mitlaufen beim Demonstrationszug eine politische Botschaft ausgesendet. Es ist wohl kaum erforderlich, dass jeder der Teilnehmer*innen ein eigenes Schild trägt. Die hohe Zahl aktiver Teilnehmer*innen beim CSD spricht daher für sich selbst.


Wir kritisieren außerdem deutlich, dass einzelne Personen es für sich in Anspruch nehmen, den CSD im Namen der gesamten Community zu diskreditieren, um sich damit selbst in Szene zu setzen. Insbesondere distanzieren wir uns von den Positionen der Freiburger Drag Queen „Betty BBQ“. Unzutreffend ist es – und dieser Eindruck entsteht beim Lesen des BZ-Artikels – dass ein Großteil der Community den CSD boykottiert habe. Außerdem widersprechen wir klar der Meinung des im Artikel zitierten Revierleiters. Es gab nicht weniger Wägen aus der queeren Community als sonst. Und auch von „linkem Störpotenzial“, das den CSD angeblich unterlaufen würde, war nichts zu sehen.


Absurd fanden wir auch den Vorwurf, beim CSD würden zu viele heterosexuelle Menschen teilnehmen. Zum einen ist es anmaßend den Anteil heterosexueller Demonstrierender anhand von Äußerlichkeiten bestimmen zu wollen, wer kann also schon wissen wie viele davon heterosexuell waren? Zum anderen freuen wir uns grundsätzlich über jegliche Art der Unterstützung von allen Menschen ganz gleich welcher sexueller Orientierung. Wir empfinden es als großen Fortschritt, wenn Heterosexuelle für uns und Seite an Seite mit uns demonstrieren. Wir sind der festen Überzeugung: wenn für Toleranz und Akzeptanz, für Gleichberechtigung, gegen Strafverfolgung im Ausland und gegen Diskriminierung demonstriert wird, dann ist es wichtig, dass sich möglichst viele Menschen beteiligen. Die sexuelle Orientierung ist dabei belanglos. Politische Forderungen lassen sich mit einer großen Mehrheit, die für diese Inhalte steht, besser durchsetzen, als mit einer kleinen Minderheit, die darauf pocht, alleine demonstrieren zu wollen und Unterstützung durch „andere“ (die doch auf ihrer Seite sind!) ablehnt. Wenn sich Einzelne aus der queere Szene unterrepräsentiert fühlen, sollten sie außerdem eher selbst dafür sorgen, dass genügend queere Teilnehmer*innen zum CSD kommen und deutlicher Farbe bekennen, statt eine „Unterlaufung“ des CSD durch heterosexuelle Teilnehmer*innen zu beklagen.


Unsere Bilanz des CSD war durchweg positiv, wir wünschen uns einen solchen CSD auch nächstes Jahr wieder und hoffen das insbesondere die Stadt sich kooperationsbereit zeigt und wieder eine Routenführung durch die Kaiser-Joseph-Straße ermöglicht, die dieses Jahr offenbar verweigert wurde. Wir hatten und haben Spaß am CSD in Freiburg. Er ist laut und politisch. Von „zunehmend spaßfrei“ kann keine Rede sein – ganz im Gegenteil.


Die Tatsache, dass es manchen Leuten offensichtlich lieber wäre, der CSD Freiburg würde überhaupt nicht stattfinden und dass dann auf solch undifferenzierte Weise versucht wird Stimmung gegen die Veranstalter zu machen, zeigt nur umso deutlicher, wie wichtig es ist, dass es diesen CSD gibt.