Statement zu den BZ-Artikeln

Statement zu den BZ-Artikeln

Nach den vielen Reaktionen auf die BZ Artikel, veröffentlichen auch wir unsere Stellungnahme und klĂ€ren ĂŒber die Unrichtigkeiten auf:

Direkt zur unserer Stellungnahme | Stellungnahme als Download (pdf-Datei) | Weitere Links

Link zu den Artikeln in der Badischen Zeitung und Fudder (Paywall): Hauptartikel, Beitrag bei Fudder, Kommentar

 


Stellungnahme des Christopher Street Day Freiburg e.V. zum Artikel „Der CSD steht in der Kritik“ / “Ist der CSD Freiburg nur noch eine laute Technoparty?” und dem Kommentar “Der Freiburger CSD ist kein Fest aus dem Herzen der Community” der Badischen Zeitung vom 15. Juli 2017

 

Der Autor Joachim Röderer verunglimpft den Freiburger CSD sowohl in seinem Bericht als auch im nebenstehenden Kommentar einerseits als spaßfrei, andererseits als Technoparty; einerseits als unpolitisch und zugleich als politisch ĂŒberladen und linksautonom. Es wird kritisiert, der Freiburger CSD sei „zu heterosexuell“, was fĂŒr den Einsatz der Rechte von LSBITQA* unerheblich ist und zudem von ungerechtfertigten Zuschreibung zeugt. Es wird zudem fĂ€lschlicherweise behauptet, Menschen („schwule Landwirte“) seien gezielt ausgeschlossen worden.

 

Die beiden Artikel und der Kommentar in der Badischen Zeitung vom 15. Juli 2017 sind gespickt mit widersprĂŒchlichen Informationen, unbelegten Behauptungen sowie einseitiger und unreflektierter Übernahme von Positionen. Von mindestens 6 Personen, die in dem Artikel erwĂ€hnt und zum Teil wörtlich zitiert wurden, war lediglich einer Stimme, die dem CSD Freiburg zugetan war, Gehör geschenkt worden.

 

Wir als CSD-Verein sind empört ĂŒber diese tendenziöse Berichterstattung der Badischen Zeitung. Es handelt sich schlicht um eine Diskreditierung der queeren Gemeinschaft: Ihrem Jahrzehntelangem Befreiungskampf, ihrer Belange und AusĂŒbung ihrer freien demokratischen Grundrechte in Form der Versammlungsfreiheit. Deshalb fordern wir eine Richtigstellung der unzutreffend wiedergegebenen Sachverhalte.

 

Wir vom CSD-Verein haben die in der BZ veröffentlichte Kritik wahrgenommen und wollen uns im Detail wie folgt dazu Ă€ußern:

CSD Freiburg zu unpolitisch?

Die Badische Zeitung titelt in ihrer Onli­neausgabe: „Ist der CSD Freiburg nur noch eine laute Technoparty?“ und fragt, ob der CSD in Freiburg seinem ursprĂŒng­lichen Anliegen noch gerecht werde. Im nĂ€chsten Satz wird behauptet „linksautonome Kreise wĂŒrden den CSD fĂŒr ihre Ziele vereinnahmen“. Ein offen­sichtlicher Widerspruch – Ist der CSD nur noch eine unpolitische Technoparty oder ist er poli­tisch ĂŒberladen, linksautonom und damit zu politisch?

Um den CSD als sinnfreie bzw. unpoliti­sche Technoparty zu entlarven, wird zunĂ€chst Herr Rubsamen zitiert. Der Leiter des Amts fĂŒr öffentliche Ordnung behauptet: „Unter dem Deckmantel des Versammlungsrechts sei eine Technoparty veranstaltet worden.“ – Hat sich Herr Rubsamen die Verlautbarung unserer politischen Forderungen zu Beginn der Parade oder die RedebeitrĂ€ge auf der Kundgebung auf dem StĂŒhlinger Kirchplatz angehört (https://freiburg-pride.de/csd-2017/forderungen-2017/)?

Angesichts Rubsamens Behauptungen mĂŒssen wir davon ausgehen, dass er sich in den vergangenen Jahren nicht die MĂŒhe gemacht hat, auf unsere Webseite zu schauen oder an einer der zahlreichen politischen Informationsveranstaltungen teilzunehmen. Liebe BZ, lieber Herr Rubsamen, der CSD ist eine der grĂ¶ĂŸten politischen Demonstrationen, die es in Freiburg seit Jahren gibt.

Die Wagen organisieren sich autonom. Wir als CSD-Orga machen den Teilnehmenden keine Vorschriften, welche Musik gespielt werden soll. Dass auf der HĂ€lfte der Wagen „Techno“ lief – wie auch auf anderen CSDs beispielsweise in Köln, Stuttgart und Berlin – hĂ€ngt auch damit zusammen, dass Techno- und Housemusik maß­geblich von der Gay-Community geprĂ€gt und dort entstanden sind. Es gibt somit schon seit jeher eine explizite Ver­bindung zwischen diesen Musikrichtungen und der queeren Szene. Selbst wenn dem nicht so wĂ€re, stellt sich die Frage, welche Relevanz das Vorherrschen einer bestimmten Musikrichtung fĂŒr die „Aufrichtigkeit“ einer Demonstration hat. Uns erschließt sich der Zusammenhang nicht. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass eine breite Musikvielfalt auf den verschiedenen Wagen geboten war.

CSD Freiburg zu links?

Einerseits wird der unpolitische Charakter des Freiburger CSD beklagt, andererseits sei der CSD zu linksautonom und politisch ĂŒberladen. Die Programmatik des Freiburger CSD hat sich seit 2014 nicht grundlegend geĂ€ndert und ist auf der Website nachzulesen (https://freiburg-pride.de/ueber-uns/der-freiburger-csd/ und https://freiburg-pride.de/archiv/).

Auseinandersetzungsmöglichkeiten mit politischen Inhalten sind durch die offenen Strukturen des CSD-Vereins seit Beginn möglich und auch die zahlreichen politischen Veranstaltungen haben ĂŒber all die Jahre Möglichkeit sowohl fĂŒr Beteiligung als auch fĂŒr Kritik geboten.

Die politische Positionierung eines CSD war in ihren UrsprĂŒngen schon immer links, ist links und sollte auch immer links sein. CSDs sind Gedenktage an die AufstĂ€nde und Straßenschlachten queerer Menschen in der New Yorker Christopher Street im Jahr 1969. Die politischen Anliegen der queeren Gemeinschaft sind seit jeher Teil antifaschistischer Politik. Dass der offizielle Wagen der CSD-Orga unter der Regenbogenflagge der „Antihomophoben Aktion“ fĂ€hrt ist also angesichts der CSD-Geschichte eine logische Konsequenz. FĂŒr uns als Organisationsteam ist der CSD ganz klar politisch links positioniert.

Wenn die Freiburger Dragqueen Betty BBQ von einem „Missbrauch der Szene“ schwadroniert und „Lieber keinen CSD als so einen CSD“ fordert, mĂŒssen wir uns im Zusammenhang mit den oben genannten historischen Fakten und unseren politischen Forderungen die Frage stellen, inwiefern von einem Missbrauch gesprochen werden kann?

Das Catering des Freiburger CSD auf dem StĂŒhlinger Kirchplatz war vegan und wir solidarisieren uns mit der Tierrechtsbewegung, wie auch mit anderen emanzipatorischen politischen Bewegungen. Die Kritik hieran wurde auch schon in den vergangenen Jahren geĂ€ußert, weshalb wir dieses Jahr zum Thema der Verbindung von queerer Theorie und Tierrechtstheorie eine Informations- und Diskussionsveranstaltung angeboten haben. Obwohl im Forderungskatalog des Freiburger CSD weder Tierrechte noch Veganismus mit nur einem Wort erwĂ€hnt werden, wird insbesondere von Betty BBQ und ihrem Umfeld immer wieder eine Diskussion ĂŒber vermeintliche Veganismusforderungen bzw. eine „Meinungsdiktatur“ seitens des CSD-Vereins entfacht.

Schockiert sind wir insbesondere ĂŒber die unwahre Behauptung eines Teilnahmeverbots „schwuler Landwirte“: Seit wir den CSD in dieser Form und mit diesem Verein organisieren hat es nie eine Anfrage einer wie-auch-immer gearteten Gruppe „schwuler Landwirte“ gegeben, die wir hĂ€tten ablehnen können. Auch wĂŒrde dies im völligen Gegensatz zu unserer offenen Mitmachstruktur und den Anliegen des CSD von SolidaritĂ€t und Sichtbarkeit stehen.

Den Kritiker*innen, die der Meinung sind, die Forderungen der LSBITQA*-Gemeinschaft kÀmen beim CSD Freiburg zu kurz, empfehlen wir sich mit unserem Forderungskatalog zu beschÀftigen.

CSD Freiburg zu heterosexuell?

Es ist erschreckend, dass versucht wird, den CSD Freiburg dadurch zu diskreditieren, dass laut anonymer Quelle angeblich mehr Schwule und Lesben aus Freiburg beim CSD in Köln zu sehen seien als beim Freiburger CSD.

Wir möchten uns nicht anmaßen, einschĂ€tzen zu können, wie viele der ĂŒber 6.000 Teilnehmenden am Freiburger CSD sich selbst als hetero-, homo-, a-, bisexuell, trans*, inter* oder einfach als queer bezeichnen wĂŒrden. Auch wir vom CSD-Verein wissen dennoch, dass auch viele heterosexuelle Menschen an der Parade teilgenommen und sich mit den Anliegen der LSBTIQA*-Community solidarisieren, was im Übrigen nicht nur auf den Freiburger CSD zutrifft      (Berlin: 42 Prozent der CSD-Besucher sind hetero, queer.de). Im Grunde genommen ist es auch völlig egal, welche sexuelle, emotionale oder körperliche Orientierung ein Mensch hat. Das Geschlecht oder die SexualitĂ€t spielen ĂŒberhaupt keine Rolle, wenn es darum geht, sich fĂŒr die Rechte von LSBITQA* einzusetzen und dafĂŒr anlĂ€sslich eines CSDs auf die Straßen zu gehen.

CSD als linkes Störerpotential?

Anmaßend finden wir darĂŒber hinaus die Aussage von Harry Hochuli (Einsatz­leiter der Polizei), dass er davon aus­gehe, dass „immer weniger traditionelle queere Gruppen zum CSD kommen, dafĂŒr seien linkes Störerpotential und Sympathisanten umso stĂ€rker vertreten“. Dies lĂ€sst nicht nur außen vor, dass auch queere Menschen einer politischen Gruppierung angehören können, son­dern zeugt auch von einer offensicht­lichen optischen Zuschreibung von Menschen in sowohl sexuelle Orientierungen als auch politische Richtungen.

Bei ĂŒber 30 Anmeldungen von Parade­wagen und Fußgruppen aus dem queeren Spektrum ist die Diskreditie­rung des Freiburger CSD zum linken Störerpotential zu gehören fragwĂŒrdig. Die Aussagen des Freiburger Einsatz­leiters muten an, als solle im aktuellen Hype um die gewalttĂ€tigen Auseinander­setzungen im Hamburger Schanzenviertel auch dem Freiburger CSD ein Hauch „schwarzen Block“ ĂŒber­gestĂŒlpt werden. Wenn man sich die Bilanz der ZwischenfĂ€lle ansieht, die es in den vergangenen vier Jahren beim CSD in Freiburg gab, ist es absurd die Teilnehmenden in ein gewalttĂ€tiges Milieu verorten zu wollen.

Der Duktus des Artikels mit Passagen wie „leere Flaschen und ein Scherben­meer“ oder „verbrannte Erde“ erinnert eher an die gewalttĂ€tigen Ausschrei­tungen bei den G20-Protesten in Hamburg.

Eine Tatsache, die die BZ in ihrer Bericht­erstattung verschweigt, ist, dass der RĂŒckstau auf der Eschholzstraße zustande kam, weil die Polizei die Parade an der Kreuzung Eschholz-/Engelbergstr. gestoppt und verlangt hat, dass die Wagen vor der Fahrt nach Hause abdekoriert werden. Dies war entgegen der Praxis der letzten Jahre und weder im Auflagenbescheid der Stadt angekĂŒndigt noch im Vorfeld kommuniziert.

Die Aussage der Polizei, dass eine Kommunikation mit den Veranstaltern so gut wie nicht möglich war, muss ebenfalls sehr kritisch gesehen und entschieden zurĂŒckgewiesen werden. Das Orga-Team stand in stĂ€ndigem Kontakt mit den EinsatzkrĂ€ften vor Ort. DarĂŒber hinaus wurden auch zwei Telefonnummern, die der Versamm­lungsleiterin und des Orga-Handys, bei der Polizei hinterlegt, auf denen jedoch keine Anrufe bzw. Anrufversuche ein­gegangen sind.

CSD Berichterstattung zu einseitig gefÀrbt?

Herr Röderer fĂŒhrt in seinem Artikel als Beleg fĂŒr die am CSD geĂ€ußerte Kritik „viele aus der Freiburger Szene“, „ein[en] andere[n] Teilnehmer“, „ein[en] Engagierte[n], der einen guten Überblick hat, aber nicht mit Namen in der Zeitung stehen will“, Betty BBQ, Walter Rubsamen (Leiter Amt fĂŒr öffentliche Ordnung) und Harry Hochuli (Leiter Polizeirevier Nord und Einsatzleiter) auf. Den mindestens fĂŒnf genannten Personen, die sich negativ gegenĂŒber dem Freiburger CSD positionieren, wird eine Person, namentlich Christian Kröper (Mitglied des CSD-Vereins), gegenĂŒbergestellt, die den CSD „verteidigen“ durfte. Den ominösen „vielen“, die sich vom Freiburger CSD offenbar nicht vertreten fĂŒhlen, wurde kein*e einzige*r von tausenden CSD-Teilnehmer*innen, die am 1. Juli 2017 in Freiburg auf die Straßen gegangen sind, mit einer positiven Aussage zum CSD gegenĂŒbergestellt. Eine ausgewogene Berichterstattung wĂŒrde zweifellos anders aussehen.

In der Online Ausgabe war der registrierungsfrei bzw. kostenlos lesbare Teil des Artikels ĂŒbersĂ€t mit unbelegten VorwĂŒrfen und Behauptungen. Die Aussagen des CSD-Vereins konnte in diesem frei zugĂ€nglichen Teil nicht eingesehen werden.

Die Berichterstattung der Badischen Zeitung wirft ferner einige Fragen auf:

  1. Ist es mit dem Anspruch, QualitÀtsjournalismus zu liefern, vereinbar, wenn die Berichterstattung vom selben Autor stammt wie der nebenstehende Kommentar?
  2. LĂ€sst sich der Eindruck, einer tendenziösen Berichterstattung vermeiden, wenn in der gleichen Ausgabe der BZ im Artikel „Wenn Kunden fliehen“ von Fabian Vögtle ein weiteres Mal mit falschen Behauptungen – die Route des CSD verlief nie ĂŒber den Augustinerplatz – gegen den Freiburger CSD ausgeholt wird?
  3. Da es heißt, der CSD stehe in der Kritik: Von wem kommt diese Kritik und wer wurde von den BZ-Journalist*innen um eine Stellungnahme gebeten?

Einer journalistischen Auseinandersetzung mit den politischen Inhalten des CSD 2018 sehen wir gespannt entgegen.


Weitere Informationen

  • Offener Brief des CSD-Freiburg an die Stadt (06.07.2017) : Link | Download

Badische Zeitung

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